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Brandes, V./Steinweg, R. (Hg.): Erziehung zum kritischen Denken. Texte und Wirkungen des Lehrers Heinz Schultz, 272 S., Paperback mit Bildteil.

Zum achtzigsten Geburtstag des Gymnasiallehrers Heinz Schultz bringen ehemalige Schüler ein Buch heraus, worin sie der Frage nachspüren, was eigentlich die Wirkung und Nachwirkung eines Lehrers ausmacht. Wie erzieht man zu kritischem Denken, Voraussetzung des vielbeschworenen mündigen Bürgers der Demokratie?

Wir finden wenig über didaktische Kniffe, raffinierten Medieneinsatz, wenngleich Heinz Schultz schon in den fünfziger Jahren fächerübergreifenden und um 1970 projektorientierten Unterricht praktizierte. Dann waren es wohl die kritischen Texte aus der zeitgenössischen Literatur? Oder der Umgang mit den Klassikern, die zum Pensum des gymnasialen Deutschunterrichts gehören? Vielleicht seine Bekanntschaft mit der polnischen und deutschen Kultur, seine Erfahrung als Teil einer Minderheit in seiner Geburtsstadt Lodz? War es seine Kriegserfahrung, seine Bekanntschaft mit dem totalitären SED-Regime, seine neuerliche Außenseiterposition im "freien" Westen, in dem er ganz "naiv" die Freiheit der Rede praktizierte? Wenn es das alles nicht ist - oder nur zum Teil - was ist dann das Geheimnis eines "erfolgreichen" Lehrers?

Wohl der wichtigste Aspekt, und das klingt in den Mitteilungen seiner Schüler wie in den abgedruckten Vorträgen, die Schultz an der Volkshochschule hielt, an: Die Persönlichkeit.

Der Leser begegnet einem Menschen, der authentisch ist, dessen pädagogisches Handeln mit seinem Denken und konkreten Leben übereinstimmt. Man spürt die echte Begeisterung für seinen Beruf, da ist jemand, der wirklich Fragen hat: an die Schüler, die Literatur, das Leben. Er betrachtet schwierige Schüler als Herausforderung, geleitet von der Erkenntnis, daß der schwierige Schüler Schwierigkeiten macht, weil er Schwierigkeiten hat! Literatur ist ihm nicht nur ästhetischer Genuß, sondern Auseinandersetzung mit dem Leben, sie enthält Antworten, die das eigene Leben betreffen und Schultz wagt auch hier den Einsatz der Person. Diese Bereitschaft, die Persönlichkeit ganz in die Waagschale zu werfen, seine Fähigkeit zur Begeisterung und seine Offenheit für Psychologie und Philosophie ist vorbildhaft. Daß er nicht alle Schüler erreichen konnte, wird niemanden wundern. Heinz Schultz ist kein "göttlicher" Pädagoge.

Vielmehr begegnen wir hier einem Lehrer, der sich wirklich um die Entwicklung von Personwerten bekümmert: Güte, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Interesse, Mitmenschlichkeit und Mut. Darin mag des Rätsels Lösung liegen: Er machte Personwerte an seiner Person sichtbar, und das ist es letztlich, was überzeugt und einnimmt.

Dipl.-Psych. B.Kuck