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Brainin/Ligeti/Teicher: Vom Gedanken zur Tat. Zur Psychoanalyse des Antisemitismus, 176 S., Paperback, DM 29,80

Selbst unter AnalytikerInnen gehen die Affektwogen hoch, wenn sie sich mit dem Problem der nazistischen Massenvernichtung befassen. Ausgehend von einer Diskussion in einer Arbeitsgruppe versuchen die AutorInnen mit psychoanalytischen Begriffen der Problematik des Antisemitismus näher zu kommen. Das Ausmaß der Verdrängung, der Verleugnung ist immer noch nicht ausgelotet. Psychoanalytische Begriffe reichen aber nicht hin. So entlarven die AutorInnen etwa die Theorie von der Identifikation mit dem Angreifer als Abwehr, die den Opfern unbedingt eine Mitschuld zuschreiben wollen, was natürlich die eigene Schuld mildert. Auch Begriffe der Regression, der Lust und Befriedigung taugen nicht, sind sie doch nicht für das Inferno geschaffen worden. Ebenso bleiben Vergleiche der AutorInnen zweifelhaft, wenn es z.B. heißt, daß die Kinder der Überlebenden der Vernichtungslager von der Vergangenheit der Eltern ebenso ausgeschlossen seien, wie von den Geheimnissen des elterlichen Schlafzimmers.

Trotz der Bemühung um kritische Ausgewogenheit behalten die AutorInnen gleichwohl den Triebbegriff bei, weshalb sie für Mechanismen der Gesellschaft plädieren müssen, welche die Aggression beherrschen helfen. Das verwundert um so mehr, als sie das Milgrim Experiment anführen, das plausibler als Folge autoritärer Strukturen zu deuten ist. Jedenfalls spricht einiges dafür, daß nicht Triebstrukturen, sondern handfeste Autoritätsstrukturen für solche Greuel die Voraussetzung sind. Der unmündige Bürger, der nicht selber denkt, sondern sein Heil einem Staat überläßt oder sonst einer Autorität oder Ideologie, ist unser Problem. Das schneiden die AutorInnen auch an, wenn sie Teilen der feministischen oder grünen Bewegung dichotomisierendes Denken vorwerfen, das noch immer zu Simplifizierungen führt. Darin liegt noch heute die Gefahr: In schwierigen Zeiten einfache Lösungen versprechen.

Die Tiefenpsychologie könnte beitragen, nicht der Illusion zu verfallen, man könnte mit bloßer rationaler Aufklärung neue Infernos verhindern. Gerade dieser Gesichtspunkt macht das Buch für aufklärende Lehrer interessant.

Dipl.-Psych. B.Kuck

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Vom Gedanken zur Tat. Elisabeth Brainin,  Vera Ligeti,  Tamy Teicher Vom Gedanken zur Tat

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